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Text des Monats
April

Im GESPRÄCH   Karin Lefèvre mit Sr. Christamaria Schröter

Karin Lefèvre: Ich möchte gern noch auf die Person Thomas zu sprechen kommen, auf den Jünger Thomas, der aufgefordert wird, seine Hände in die Wundmale Jesu zu legen, und sie tun es ja in dem Bild als Kind. Es ist auch interessant, dass da, als Christus das Siegel der Angst bricht, Sie einen neuen Namen bekommen. Da werden Sie sozusagen zum Thomas-Kind. Ich nehme an, dass das auch eine starke Affinität zeigt, die Sie zu Thomas haben.
Sie sagten, dass Sie viele Fragen an Gott hatten, die Sie hinten auf die Bilder geschrieben haben. Das verbindet Sie ja auch mit Thomas, der vieles in Frage stellte und selbst viele Fragen hatte, die die anderen vielleicht nicht so hatten, und die er sich nicht verbieten lassen wollte, was ihn auch einsam gemacht hat. Was hat zu dieser Beziehung mit dem Jünger Thomas geführt?

Sr. Christamaria: Die Geschichte aus Johannes 20 ist mir vielleicht so erzählt worden, dass ich in diesem Thomasjünger vor allem den Außenseiter sah, einen, der irgendwie nicht richtig „dazugehört“ hat. Als Kind habe ich mich oft so empfunden in unserem Dorf, wo wir als Pfarrerskinder fast wie in einem Ghetto gelebt haben.
Thomas hat das erste Treffen mit Jesus, dem Auferstandenen, verpasst. Aber dann hat er ja noch einmal die Gelegenheit dazu bekommen, und ist sogar persönlich mit Namen von Jesus angesprochen worden. Das hat mir gefallen. Diese Geschichte habe ich geliebt.
Nach der Flucht, nach Kriegsende habe ich mich mit meinen vielen Fragen noch ganz anders in dem ungläubigen Thomas wiederfinden können. Meine Frage damals war vielleicht die: Gott, wer bist du eigentlich? Bist du angesichts der Millionen Toten noch der Gott, der das Leben will? Bist du überhaupt der, für den ich dich hielt?
Heute berühren mich wieder andere Aspekte dieser Geschichte: Die verschlossenen Türen – auch in mir: Türen, hinter denen ich mich manchmal verberge, wenn ich nicht noch einmal verletzt werden will, wenn ich Angst habe vor Situationen, denen ich mich nicht gewachsen fühle.
Oder das Eintreten des Auferstandenen, das nicht machbar ist, das niemand herbeiführen kann, das Geschenk ist, und die Wundmale Jesu, die nach der Auferstehung sichtbar bleiben und die mir sagen:
darin sind auch meine Wunden auf- und mitgenommen.

Dieser Text des Monats stammt aus

KIND kind

KIND kind
ISBN 978-3-928745-85-7 (Seite 84/85)